Schon so lange ist Schreiben für mich wie ein Lebenselixier. Das geht wohl vielen Dichterinnen so, dass Kreativität, aus inneren Spannungen und letztlich durch tiefste, innerste, echte Akzeptanz scheinbar unüberwindbarer Hindernisse, unüberbrückbarer Gegensätze oder scheinbar unlösbarer Konflikte im höchsten Maße zu fließen und zu wirken beginnt. Aus dem stillen Raum der Absolutheit, im unbegreiflichen Spannungsfeld des Relativen und purer Leidenschaft. Aus Langeweile und träger Mittelmäßigkeit ist wohl noch kein wirklich gutes, packendes, berührendes Gedicht entstanden. Durch lebendiges, menschliches Schicksal jedoch schon, wie man vor allem in der Lyrik der jüdischen Dichterinnen sehen kann, denen ich mich innerlich am nächsten fühle, die da sind Rosa Ausländer, Hilde Domin und Nelly Sachs. Gerade weil in meinem Erleben die allem zugrundeliegende Wirklichkeit der Nicht Existenz als Einziges existiert, alles nur Das sein kann und gerade weil da dieses unbeschreibliche Nichts ist und weder eine Welt, noch eine Geschichte darin in Wirklichkeit bestand haben kann, ja gerade weil Es so transzendent und einfach ist, egal wohin ich schau`und auch mein ganzes Menschsein darin mit all seinen natürlichen Funktionen durchschaue, ist es doch wundervoll sich im Gedicht und wahrhaftigen Wort zu Hause fühlen zu dürfen, bei allem Schicksal, dass geschieht und geschehen musst, wie es eben für den Menschen angelegt ist. Lyrik ist der klare Spiegel des Wahrhaftigen Wortes. Der Klang wesentlichen Lebens. Der Duft von lebendigem Beseeltseins des ganzen Menschseins. Lyrik malt die Farben des Schicksals, des Kleinen, wie des Großen auf eine durchsichtige Leinwand purer Liebe. Ihre Arme reichen weit und tief, sie läßt deinen Geist in die Mitte fallen, stellt deine suchenden Füsse auf sicheren Grund und lässt dein unruhiges Herz im Takt des Friedens schlagen. In der Lyrik geschieht für mich tiefe, essentielle, substantielle Versöhnung. Lebendig und echt. Sie darf alles. Sie findet Worte für alles und lässt sich nicht verstummen. Gerade deshalb ist sie so wertvoll für jegliche Lebensbereiche des Menschseins und der bestehenden Gesellschaft. Und das völlig zeitlos.
So kann ich das gesamte Menschsein mit allem menschlichen in meinem Herzen, in meinem Geist und in meiner Seele umfassen, das im Gedicht unendlichen, schöpferischen, zeitlosen Raum findet.
Und wie in einem einladenden Spiegelpalast mit unzähligen Räumen fühlt sich ein Mensch durch ein Gedicht, mehrere oder viele, vielleicht eingeladen diesen Palast zu betreten, sich im grenzenlos, klaren, facettenreichen Raums eines Gedichtes innerlich zu erkennen.
Sich in den klaren, blankgeputzten Spiegeln des Ballsaals der Menschlichkeit zu sehen. Ja, er fühlt sich gesehen, im Herzen berührt und seine Seele erwacht. Das Leben erwacht in ihm, die Liebe, die Leidenschaft.
Die Erinnerung an ihn selbst, jenseits und inmitten aller Freuden und aller Schrecken, die längst vergraben schien.
Der Schatz aus seiner Lebenserfahrung fängt vielleicht ein klein wenig an zu funkeln, nur durch das Betreten seines inneren Palastes, beim Lesen eines Gedichtes. Denn das Gedicht selbst ist der Palast, in dem der Mensch mit allen Geschichten, mit allen Gefühlen, samt seines ganzen Lebens Platz hat. Im Ballsaal, im Spiegelsaal verwandelt er sich wieder in sich zurück, in sich selbst.
Als ob er beim Lesenfühlen selbst zum Gedicht wird und so den Schatz hebt in der Mitte des Palastes, dem Kronjuwelensaal.
Es ist ein geheimnisvoller Vorgang, fast märchenhaft.
So vermag die Lyrik jede Härte, jede Schärfe, allen Schmerz und jede Freude und Poesie des Lebens verdichten, ohne Scheu und tollkühn, denn genau hier im Ver Dichten liegen ihre magische Kräfte. Ja, man könnte sagen, heilende Kräfte. Das Leben und das Erlebte bleibt das, was es war, doch bei aller Ernüchterung, noch während tiefste Akzeptanz wirkt, erhebt sich der Glanz aus dem lyrischen Wort und taucht alles darin.
Er erhebt sich aus allem, dieser Glanz, aus dessen Kraft wir leben können. Geatmet werden.
So fein wie glitzernder Morgentau auf dem Rosengarten deines Lebens, ist dieser Glanz, noch feiner, mit dem menschlichen Auge kaum sichtbar. Doch mit deinen körperlosen Augen vermagst du ihn zu sehen. Mit deinem Herzen. Er duftet auch, dieser Glanz. Er duftet nach Frische, nach Anfang. Er steigt aus allem auf und liegt in allem Leben. Verborgen manchmal und verschleiert durch unseren Schmerz und unser Hadern, doch es gibt ihn. Er ist Hier.  Die Lyrik und du, ihr erweckt ihn zum Leben. Als Dank schenkt er sich dir und erweckt dich zum Leben.
Völlig verwandelt, obwohl dein Leben immer noch so ist, wie es ist. Trotzdem scheint in allem etwas Neues. So wirkt (meine) Lyrik zeitlos und jenseits von allem. Sie ist und wartet geduldig auf den richtigen Moment. Sie ist verdichtete Essenz.
Lebendig bleibend im Wort durch den Lesenden, dessen Geist und Herz offen ist für mich, für sich und Wirklichkeit und all diese schier unerschöpfliche Schönheit des Lebens, die kein Gegenteil hat, weil dieser Glanz auf allem Essentiellen liegt und auf Wesentliches verweist.
Es muss nichts ausgeschlossen bleiben, denn alles gehört dazu, unausweichlich. Allzeit zu Hause im Selbst ohnehin und dann noch das lebendige Wort und das Dichten als Sahnehäubchen. Im klaren Benennen der Dinge wie sie nun mal sind.
Lebendig beseelt. Weil es nicht länger nur für mich alleine so sein sollte, sondern ich andere Menschen, die daran eine ebenso große Freude finden wie ich, sich von 26 durchsichtigen, vorwitzigen Buchstaben aus dem Nichts träumen, bewegen und derart begeistern zu lassen, gerne inspirieren, spiegeln, ermutigen und unterstützen möchte, fing es einfach an, oft mit zärtlicher Wucht, dass sich die Gedichte für den Menschen durch mich schrieben. Ich kann nicht ein Gedicht schreiben, ich muss. Es geht nicht anders und ich liebe es, doch manchmal ist es wie glückselige Qual, bis es so wie es will und sein muss, tatsächlich auf dem Papier steht. 
Wie lange schon geisterte mir diese Idee im Kopf und im Herzen herum, meine Freude für die Magie des Gedichtelesens und Schreibens mit Menschen zu teilen?  Denn Gedichte lesen verändert den Menschen, sie selbst zu schreiben erweckt zeitlos, beflügelt und befreit und lässt zeitgleich tiefer und tiefer in sich selbst ankommen und ruhen, während der lebendige Quell des Lebens unablässig aus und durch dich schöpft.
Hier ruhen, während das gesamte Lebenskarussell um das Wort, um das Gedicht herum kreist. Bis es den Punkt trifft. So liebe ich es, Menschen zu begleiten, Inspiration zu sein, zu ermuntern, der inneren Stimme, dem inneren Klang, den Gefühlen Raum zu geben und in Worte zu fassen, was ins Stocken gekommen war, verstummt, versteckt und unterdrückt werden musste, oder gefangen gehalten hatte.
Oder einfach die leichte Lust und einfache Freude am kreativen Schreiben selbst zu entdecken.
Ein Gedicht zu gebären ist unbeschreiblich intim und äußerst kraftvoll und intensiv. Denn es schreibt dich. Es gebärt sich durch dich.
Bist doch nur Mittler zwischen Wort und Herz, Innenwelt und Außenwelt. Kanal und Architekt(in) um Wortbrücken zu bauen zwischen Nichts und Alles, Endlichkeit und Ewigkeit, Relativem und Absolutem, Persönlichem und Unpersönlichem. Es ist magisch und Wunder voll.
Es atmet dich ein und bist du nicht mehr, atmet sich das Gedicht auf ein vormals weißes, noch unbeschriebenes Blatt Papier. Du bist es zutiefst und doch gehört es dir nicht mehr. Es gehört jetzt den Menschen, dem Leser, der Welt.

Du hast dich selbst geschenkt – als Gedicht, den Lauschenden, den Stillen, den Berührbaren, denen, die nicht vergessen hatten, in sich selbst nach dem Schatz des Lebens zu suchen, ihn zu bergen und zu schützen.
Denen, die ernüchterter vom Leben nicht sein könnten und die in dieser tiefsten Ernüchterung, im Scheitern, im Sterben noch die Verzauberung der Einfachheit und den Glanz entdecken können, den nur gebrochene Herzen sehen können.
Denn sonst offenbart er sich nicht.
Er offenbart sich den Gebrochenen, den Genommenen, den Gescheiterten, den Gestrandeten.
Indem er sich offenbarte sind es Gefundene.
Liebende.

„Die Letzten werden die Ersten sein.“

Liest du ein Gedicht und es ist für dich und der rechte Moment, entlässt es dich in seiner ganz eigenen, zauberhaften Weise zu dir selbst.
Schreibt es dich, lässt es dich freier und freier zurück. Irgendwie magisch.
Entlassen als vollendete Liebende.
In berührender Einfachheit und Menschlichkeit.
Herzaufgebrochen zum Lebendigen.
Sehend geworden.
Den feinen Schimmer dieses Glanzes auf der Haut tragend und ihn an die Welt verschenkend.
Zu sich selbst entlassen, sich schenkend im Gedicht, zu Hause in der Lyrik, im wahrhaftigen Wort.

Zum diesjährigen, 20 jährigen Praxis Jubiläum veröffentliche ich einen Sammelband sämtlicher Gedichte bis dato, auf dessen Veröffentlichung ich mich wirklich sehr freue.
Sein Titel ist "Hinter mir der Friede". (Hardcover, 532 Seiten), erscheint voraussichtlich im Frühsommer, so wie es momentan aussieht.

 

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